Meine Geschichte

Am 30. September 1965 wurde ich als siebtes von zehn Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Sulzbachtal in Kray-Leithe geboren.

Zu neunt, später sogar zu zwölft auf engstem Raum zusammen zu leben – das erforderte nicht nur starke Nerven, sondern auch ein großes Maß an Organisation und vor allem an Gemeinsinn und Solidarität. Denn Einzelgänge oder Ego-Trips waren in dieser Lage einfach nicht drin, wenn man das ganze Gefüge und damit letzlich auch sich selbst nicht insWanken bringen wollte. Die Gewissheit, dass man nicht alleine auf der Welt ist und dass unser Handeln Konsequenzen für andere haben kann, hat mich von Anfang an geprägt. Genau wie die Erfahrung vom Zusammenhalt unter schweren Bedingungen wie Geldknappheit, (Zwangs-) Umzügen und einem gewalttätigen Vater. Der größte Respekt gebührt dabei meiner Mutter, die sich und uns nie hat hängen lassen und alles dafür getan hat, damit wir es einmal besser haben. Dafür ging sie sogar die „Schmach“ einer „schuldigen Scheidung“ ein. Ich bin heilfroh, dass wir dieses frauenfeindliche Rechtskonstrukt mittlerweile hinter uns haben.

Nach dem Erreichen der Fachoberschulreife war für mich klar, dass ich mit und für Menschen arbeiten wollte und begann eine Ausbildung zum Erzieher an der Fachschule für sozialpädagogische Berufe der Stadt Essen. Die ersten Praxiserfahrungen im Beruf sorgten für Ernüchterung: Schnell wurde mir klar, dass Jugendhilfe, Pflege und Erziehung ständig mit dem Verwalten des Mangels konfrontiert ist. Ob Personal oder finanzielle Ausstattung – der Rotstift schien immer zuerst im Sozialbereich angesetzt zu werden. Auch die Kommerzialisierung machte sich bereits deutlich im Gesundheitssystem breit. Hinzu kamen persönliche Geldnöte durch die kaum bezahlte Ausbildung, sodass ich mich entschied, den ersten Versuch abzubrechen, um anderweitig Geld zu verdienen. Das tat ich als Pflegehilfe und Jugendleiter auf Honorarbasis.

Das Leben als ungelernte Hilfskraft im Sozialbereich war kein Zuckerschlecken. Es ging darum, sich irgendwie über Wasser zu halten. Es waren nicht zuletzt Kolleg*innen und Freunde, die mich ermutigten, es noch einmal mit einer Ausbildung zu versuchen. Die Hartnäckigsten unter ihnen waren meist Sozis, die mich mit ihrem Glauben an den sozialen Aufstieg ansteckten. Das werde ich ihnen nie vergessen. Im zweiten Anlauf klappte es mit der Ausbildung zum Erzieher im Kinderheim der Funke-Stiftung. Ich war endlich „angekommen“ und schaffte es schnell zum Gruppenleiter und wenig später zum Leiter einer KiTa des Vereins für Kinder und Jugendliche in sozialen Brennpunkten (VKJ). In diesem Umfeld, in dem Solidarität und Herzblut für die Förderung Benachteiligter gelebt werden, fühlte ich mich wohl. Jetzt konnte ich endlich beginnen, etwas zurück zu geben und anderen bei dem Aufstieg helfen, der mir durch Glück und Chancen ermöglicht wurde. Ein weiteres, privates, Glück kam dazu: Ich lernte meine Frau kennen, mit der ich seit nun 27 Jahren glücklich verheiratet bin, wir bekamen zwei wundervolle Kinder. Ich schaffte es sogar neben der Arbeit, ein Studium zum Gesundheitsökonom abzuschließen. Insgesamt 24 Jahre blieb ich beim VKJ und hatte die Ehre, den Verein gemeinsam mit einem großartigen Team durch größte Schwierigkeiten zu helfen und ihn schließlich als Geschäftsführer wirtschaftlich gesund und mit 20 statt vier KiTas zu übergeben.

2016 folgte ich dann dem Ruf der AWO Essen. Der „kleine Erzieher“, wie mich manch etablierter Essener Kommunalpolitiker bei meinen ersten Gehversuchen in der städtischen Politik „liebevoll“ nannte, hatte es zum Geschäftsführer des größten Sozialverbands der Stadt geschafft. Mit Verantwortung für 1500 Beschäftigte und 6500 Mitglieder. Hier sehe ich die Chance, noch mehr für die Schwächeren in unserer Gesellschaft tun zu können und gleichzeitig sozialpolitisch mehr erreichen zu können. Die Grundwerte der AWO lauten Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz. Ich bin überzeugt, dass diese als Grundpfeiler der Gesellschaft unverzichtbar sind. Leider sind sie in den letzten Jahrzehnten Stück für Stück abhanden gekommen. Viel von der Enttäuschung darüber entlädt sich mittlerweile in einem heftigen politischen und gesellschaftlichen Rechtsruck. Ich bin nicht bereit, diesen hinzunehmen und möchte meinen Teil dazu beitragen, dass aus Wut wieder Mut wird. Auch deshalb habe ich mich dazu entschlossen, für das Amt des Oberbürgermeisters zu kandidieren. Ich möchte zeigen, dass es auch anders geht. Dass Solidarität nicht nur möglich, sondern nötig ist. Dass jede*r mehr als eine Chance verdient – so wie ich sie in meinem Leben erhalten habe. Dafür hoffe ich auf Ihre Unterstützung.

Herzliche Grüße und Glück Auf!

Oliver Kern